blank0
home01
interviews_gr
blank
blank
blank
blank
blank
blank
blank
blank
blank
blank
------------------------------------------------------------------------------
< BACK
------------------------------------------------------------------------------

Jour Fixe anlässlich der Ausstellung "Die andere Seite", 28. Juni 2006 (Auszug)
Kunsthalle Fridericianum Kassel

Moderatoren: Thomas Niemeyer, Kuratorenwerkstatt Renè Block, Kunsthalle Fridericianum und Anne-Kathrin Auel, Kunstwissenschaftlerin an der Kunsthochschule der Universität Kassel

Aus technischen Gründen konnte nur ein Tel des Gesprächs aufgezeichnet werden.

 

Anne-Kathrin Auel:
Ein Innenraum, der für Sicherheit, Geborgenheit und Ordnung steht, wird in ein Chaos überführt und ist damit ‚out of order’ und ‚out of controll’. Trotzdem wurde in unserem Seminar diskutiert, ob man das, was Du zerstörst überhaupt als Idylle bezeichnen kann, oder ob Du nicht vielmehr mit dem puren Horror aufräumst.

Susanne Kutter:
Es hat natürlich dadurch, dass es so etwas Beschränktes und so etwas Begrenztes und so etwas Einengendes hat, auch etwas von Horror, wobei ich den Begriff ‚Horror’ eigentlich immer anders sehe. ‚Horror’ finde ich, ist es nicht. Es ist nur eine gewisse Form von Beschränkung und Begrenztheit. Und es ist die Frage, wie sehr einen das bedrängt, dass man es mit dem Begriff ‚Horror’ belegt. Andererseits ist eine gewisse Form von Beschränktheit eben auch das, was Sicherheit gibt. Insofern stecken da zwei Sachen drin. Nicht nur Sicherheit in dem Sinne, dass man sagt „Es kann mir nichts passieren“, sondern im Sinne von Kontinuität, dass nicht unvorhergesehene Dinge eintreten, die man nicht geplant hat.

Anne-Kathrin Auel:
Die Vorstellung von ‚Horror’ ist aufgekommen, wenn man diese Art von Einrichtung betrachtet, wie dieser Raum eingerichtet ist. Das ist nicht gerade meine Art von Lieblingswohnzimmer. Gibt es da vielleicht auch eine Tendenz diese Räume immer so gut-bürgerlich oder traditionell einzurichten, damit es dann auch leichter fällt, sie zu zerstören?

Susanne Kutter:
Das sind ja alles Sachen, die ich auf dem Sperrmüll gefunden habe, und die stammen damit auch aus einer bestimmten Zeit. Die Leute werfen seltener neue Sachen weg, sondern trennen sich nach vielleicht zwanzig, dreißig Jahren davon. Es ist vielleicht auch eher die Zeit, als ich ein Kind war. Es sind auch nicht unbedingt gut-bürgerliche Sachen, sondern eher kleinbürgerliche Sachen, eine Menge Kitsch, oder auch mal etwas ganz Schönes. Es ist insofern eine Art Idylle, dass diese Dinge nicht unbedingt klassische Zeitlosigkeit, sondern eher eine gewisse Form von Kontinuität repräsentieren. Aber ich weiß natürlich auch nicht, ob man das allein schon als Idylle bezeichnen kann.

Thomas Niemeyer:
Ich wäre immer vorsichtig, wenn ich sehe, da zerstört jemand ein spießiges Wohnzimmer, zu sagen, derjenige will Kritik üben an einer solchen Lebensweise. Das glaube ich nämlich eigentlich nicht. Es könnte ja auch die Lust an dieser Art Katastrophen sein, dass es auch einen gewissen Spaß macht. Das hängt natürlich sehr stark davon ab, was man dabei dann zerstört.

Susanne Kutter:
Der ursprüngliche Gedanke war, dass ich überlegt habe, wie kannst Du es schaffen, dass sich die Gegenstände, ähnlich wie bei einem Trickfilm, selbstständig anfangen zu bewegen. Man kann sie natürlich animieren, da gibt es unendliche, technische Möglichkeiten, aber ich habe überlegt, welches reale Mittel kannst Du einsetzen, damit sich die Dinge scheinbar wie von selbst bewegen. Ich habe überlegt, was die Schwerkraft außer Kraft setzen könnte. Damit man eine quasi übergeordnete Kraft hat, die das ganze Geschehen lenkt, die dann wiederum an sich faszinierend ist.
Das war eine poetische Vorstellung, dass durch das physikalische Element Wasser, die Dinge in dem Wohnzimmer allmählich an Schwere verlieren. Dieses Bild eines Wohnzimmers repräsentiert ja das Bedürfnis, einen bestimmten Zustand aufrecht zu erhalten, das ich manchmal auch ganz schön finde. Und es gibt ja auch tatsächlich Orte, von denen ich gar nicht möchte, dass sie sich verändern, denn in letzter Konsequenz würde es bedeuten, wenn sich diese Orte verändern, dann deshalb, weil die Personen verschwunden ist, die dort gelebt haben. Aber es hat natürlich gleichzeitig auch etwas sehr Ästhetisches und Schönes, wenn sich ein konstanter Zustand ändert. Das Schöne daran ist, dass plötzlich etwas passiert, was Du nicht erwartest, was Du nicht geplant hast, und was Du nicht vorhergesehen hast, und was eben dadurch eine ganz eigene Ästhetik entwickelt.

Thomas Niemeyer:
Also insofern ist es auch nicht die Zerstörung, die dich interessiert, sondern die Erschaffung von etwas Neuem...

Susanne Kutter:
Ja, ja...

Thomas Niemeyer:
...also nicht nur das zerstörerische Element, das Destruktive, sondern auch das Produktive.

Susanne Kutter:
Es ist ja auch so, dass das Ganze nur begrenzt zerstörerisch ist. Es kommt ja niemand dabei zu Schaden. Im Grunde genommen, passiert da gar nichts. Alles ist total kontrolliert. Es hat ja auch einen Grund, warum ich keine Menschen verwende.

Anne-Kathrin Auel:
Aber ist das denn der einzige Grund, warum Du Menschen aussparst? Auch in den anderen Arbeiten kommen - wenn überhaupt lebendige Wesen - dann Tiere vor.

Thomas Niemeyer:
Bei „Le Jardin de Fanny“ kommen auch Menschen vor...

Anne-Kathrin Auel:
Aber es ist auf viele Arbeiten übertragbar, zum Beispiel auf das Video „To Live in Paradise“, da sind es Goldfische.

Aus technischen Gründen endet die Aufnahme des Gesprächs an dieser Stelle.

 

------------------------------------------------------------------------------
< BACK
⋀ TOP OF THE PAGE
------------------------------------------------------------------------------


Interview mit Susanne Kutter, 28. Juni 2006 (Auszug)
Kunsthalle Fridericianum Kassel

Moderatorin: Anne-Kathrin Auel, Kunstwissenschaftlerin an der Kunsthochschule der Universität Kassel

Auch bei dem folgenden Interview, das am selben Nachmittag stattgefunden hat, konnte aus technischen Gründen nur ein Teil des Gesprächs aufgenommen werden.

 

Anne-Kathrin Auel:
Könntest Du Dir auch eine andere Einrichtung der Räume vorstellen, oder vielleicht doch auch Personen, die darin eine Rolle spielen wie in anderen kunstgeschichtlichen Beispielen?

Susanne Kutter:
Andere Räume schon, Menschen eher nicht. Es ist aber nicht so, dass mich nichts von der Kunstgeschichte interessiert, z.B. finde ich niederländische Interieurs einfach großartig. Die Perspektive, dass man als Betrachter eines Bildes eine Person bei einer oft banalen oder intimen Handlung beobachtet und gleichzeitig mit dem Ausblick aus dem Fenster einen Ausschnitt von Welt zu sehen bekommt, finde ich als räumliche Konstruktion schon sehr interessant. Und meine Arbeiten lassen  sich natürlich auch auf solche Darstellungen des Interieurs zurückführen.
Der Grund, warum es mich nicht interessiert, Personen in meinen Installationen zu verwenden, ist, dass es mir ja nicht in erster Linie um die Darstellung einer Katastrophe geht, bei der jemand ein individuelles Schicksal erleidet, sondern viel allgemeiner um die Darstellung eines natürlichen Prinzips. Wir alle werden sterben und haben das Glück, geboren worden zu sein. Alle Menschen verbinden diese zwei Ereignisse miteinander, was dazwischen passiert, ist individuell verschieden. Das dem Menschen übergeordnete Prinzip ist die Natur – deshalb die Katastrophen. Es geht mir nicht darum, menschliche Schicksale zu zeigen. Das interessiert mich nicht. Es geht mir um die Darstellung eines übergeordneten Prinzips.

Anne-Kathrin Auel:
Aber könnte sich nicht beispielsweise der Standort der Kamera verändern, um den Blickwinkel des Betrachters zu erweitern?

Susanne Kutter:
Der Blickwinkel der Kamera ist auf einen bestimmten Blickpunkt eingestellt, er ist fest. Man bekommt einen zentralperspektivischen Ausschnitt zu sehen, der einem einen möglichst vollständigen Überblick im Raum verschafft. Dadurch bekommt das Ganze etwas Dokumentarisches. Blende und Schärfe sind ebenfalls fix, also manuell fixiert. Das habe ich auch schon bei dem Video „Moving Day“ so gemacht, deshalb gibt es bei „Moving Day“ auch Passagen, die sind gnadenlos über- oder unterbelichtet, weil die automatische Blende und der Autofokus ausgeschaltet sind. Ich habe das aber bewusst gewählt, denn die automatische Blende funktioniert immer etwas zeitversetzt. Wenn sich die Lichtsituation schnell ändert, vergehen einige Bruchteile von Sekunden, bis die Automatik endlich reagiert und die Blende korrigiert. Das Bild wird dann heller oder dunkler, aber viel zu spät für unsere Wahrnehmung. Man hat als Betrachter den Eindruck, dass jemand an der Kamera steht und die Blende nachträglich korrigiert, und dann wirkt das Bild subjektiv. Das wollte ich vermeiden. So wie die Aufnahmen jetzt sind, wirkt der Blick annähernd objektiv. Es ist wirklich so, als ob man eine Sache relativ passiv betrachtet, also ohne Wertung. Und dann können die Dinge eine eigene Schönheit entwickeln, weil man sich selbst in dem Moment zurück nimmt, seine persönliche Subjektivität zurück schraubt.

Anne-Kathrin Auel:
Aber ich habe sowieso den Eindruck, dass diese Idylle, dieses ganze Arrangement, sehr konstruiert ist. Also, meine Vorstellung von Idylle ist das nicht.

Susanne Kutter:
Idylle ist immer konstruiert, und zwar individuell konstruiert. Ich persönlich habe einfach mit der Tatsache Schwierigkeiten, dass es unüberwindbare Ereignisse gibt, die ich nicht anders einordnen kann als in ein übergeordnetes Prinzip. Ereignisse, die man eigentlich nicht ertragen kann. Und ich muss einen Weg finden, damit umzugehen. Natürlich geht da jeder seinen eigenen Weg. Somit ist auch das, was wir als Idylle oder den Verlust einer solchen empfinden, individuell, aber das übergeordnete Prinzip, dass wir ein untergeordneter Teil von Natur sind, bleibt für mich trotzdem konstant.

 

> AUSSTELLUNG
> KATALOG

--------------------------------------------------------------
∧ TOP OF THE PAGE

 


blank0 blank0