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Interview mit Susanne Kutter, 25. Oktober 2008 (gekürzt)
Museum Schloss Moyland
Anlässlich der Ausstellung "Im Auge des Klangs II"

Moderatorin: Laura Baumann, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Schloss Moyland

 


Kulisse für das Video "Panic Room", Atelier Susanne Kutter, Berlin 2009

 

Laura Baumann:
In deiner Arbeit "Panic Room" hast du dich in direkter Weise auf Schloss Moyland als historischen Ort bezogen. Was hat dich bei deinem ersten Besuch hier im Museum Schloss Moyland besonders inspiriert, und wie kam es zu der Idee für diese Arbeit?

Susanne Kutter:
Ich fand zwei Dinge sehr charakteristisch für das Schloss. Zum einen wirkt das Gebäude durch die neogotische Fassade fast irreal, es scheint nur noch die Idee eines Schlosses wiederzugeben und hat ja auch nicht mehr die ursprüngliche Funktion. Zum anderen fanden bei meinem ersten Besuch in Moyland lauter Hochzeiten statt, weil das Schloss eine Anlage hat, die für viele Leute sehr idyllisch ist. Da Katastrophen ein zentrales Thema meiner künstlerischen Arbeit sind, habe ich mir überlegt, wie sich das mit diesem speziellen Ort verknüpfen lässt. Ich habe Fotos aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gefunden, die das Schloss zerbombt zeigen. In der Fassade waren große Löcher oder ganze Teile fehlten. Das hat mich an eine angefressene Ruine erinnert. Ich habe dann das Schloss als Modell aus Brotteig gebacken und Mäuse darin wohnen lassen. Eine Kamera filmte wie die Mäuse die Fassade langsam, aber stetig, anknabberten und die Architektur von außen und innen immer durchlässiger, bzw. durchgängiger wurde.

Laura Baumann:
Rekurrieren deine künstlerische Arbeiten und speziell der "Panic Room" bewusst auf die klassischen Gestaltungsmittel der Bildhauerei? Das Backen des Schlossmodells kann man ja als 'auftragende Technik', das Auffressen durch die Mäuse als ein 'abtragendes Vorgehen' sehen.

Susanne Kutter:
Ja, entweder trägt man Material plastisch auf, wie etwa Ton, oder aber man geht den umgekehrten Weg und trägt Material ab. Charakteristisch für jede Skulptur ist aber auch, dass sie immer ein Innen und ein Außen hat – auch wenn sie nicht hohl ist. Durch den Umraum, der sie umgibt, hat sie automatisch eine positive und eine negative Form. Und genau die Vermischung der negativen und positiven Form ist der 'worst case' bei einer Konstruktion wie der eines wehrhaften Schlosses. Da soll ja gerade verhindert werden, dass jemand eindringt, oder dass geheime Zugänge geschaffen werden, die das Ganze durchlässig machen.
Der Begriff 'panic room' bezeichnet in Amerika einen Schutzraum, wie er in Villen häufig vorkommt. Die Villa ist durch Tore, Wachanlagen und Kameras geschützt. Es gibt aber darüber hinaus noch einen Raum, der so wie ein Bunker unabhängig von der restlichen Anlage funktioniert, und in dem man längere Zeit überleben kann. So ähnlich ist es auch mit dem Nordturm, dem Bergfried, hier in Moyland gewesen, der als unabhängiger Rückzugsort funktionierte. Selbst wenn die Burg von Feinden eingenommen worden war, konnte man sich in dem Turm verschanzen und noch einige Zeit ohne Versorgung von außen überleben. Der Turm hat einen eigenen Brunnen und keinen Zugang vom Schlossgebäude, sondern war nur mit Leitern von außen zu erreichen. Mein skulpturales Verfahren, die architektonische Konstruktion aufzubrechen und langsam abzutragen, ist somit das Umgekehrte vom Plastischen. Das stimmt schon.

Laura Baumann:
Also sind deine Mäuse quasi die bildhauerischen Instrumente.

Susanne Kutter:
Ja, die Mäuse sind die Bildhauer. Ich arrangiere gern ein bestimmtes 'setting' und lasse dann irgendein anderes Element unabhängig von mir die so genannte bildhauerische Arbeit leisten. Bei "Flooded Home" ist es eine physikalische Kraft, da arbeitet das Wasser gegen die Schwerkraft. Es gab aber auch Installationen, die mit Luftzirkulation arbeiteten. Ich bediene mich gern einer äußeren Kraft, die relativ planlos, bzw. intentionslos, eine Skulptur formt oder verformt.

Laura Baumann:
Das Prinzip des Zufalls ist dann für deine Werke auch von großer Bedeutung?

Susanne Kutter:
Ja, wobei ich glaube, dass Vieles gar nicht so zufällig ist, zumindest bis zu einem gewissen Grad nicht. Denn die Parameter sind vorher festgelegt, ich bestimme und kontrolliere sie. So unerwartet die Einzelereignisse im Schwimmbecken bei "Flooded Home" erscheinen, die Gegenstände haben nur einen begrenzten Handlungsspielraum. Und damit stellt der Vorgang das Gegenteil einer realen Katastrophe dar. Dieser kalkulierte Zufall bringt allerdings Dinge zum Vorschein, die man sich vorher nicht vorgestellt hat, die einfach so geschehen, ohne Absicht. Das passiert ja im Leben ebenso.

Laura Baumann:
Das Werk "Panic Room" unterliegt - wie andere deiner Arbeiten - einem Prinzip der Verwandlung und eines desaströsen Prozesses. Was ist die Intention gerade dieser Arbeit?

Susanne Kutter:
Es geht immer um veränderte Zustände. Ein konstanter Zustand, der ein bestimmtes Erscheinungsbild auf Dauer konservieren kann, existiert ja in der Natur nicht. Persönlich bedeutet Veränderung oft auch, einen Verlust zu erfahren. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten, damit umzugehen. Man kann Veränderung ablehnen, abstreiten oder versuchen, sich dagegen abzusichern – durch Versicherungen oder durch den Aufbau eines Schutzwalles. Ich versuche, diesen Zustand in einen poetischen zu überführen, so dass ich in irgendeiner Form damit gefühlsmäßig in Einklang kommen kann. Das heißt nicht, dass ich mich über eine Katastrophe freue. Es bedeutet nur, dass ich versuche, dem Prozess der Veränderung etwas Positives abzugewinnen.

Laura Baumann:
Für den Betrachter deiner Arbeiten sind in erster Linie die Zerstörungen offensichtlich: Die Wohnzimmereinrichtung in "Flooded Home" wird zerstört, bei "Thanksgiving Plot" gehen Glas und Porzellan zu Bruch. Du aber sprichst davon, dass die zerstörerische Komponente deiner Arbeiten nicht negativ gemeint ist?

Susanne Kutter:
Die Gefühle, die in fast allen Arbeiten erzeugt werden, sind nicht eindeutig, sondern mehrdeutig. Da gibt es komische Elemente, seltsame und unerwartete, es werden bestehende Ordnungen umgedreht. Wenn zum Beispiel bei »Flooded Home« die Schwerkraft außer Kraft gesetzt wird, dann wirkt das witzig und komisch. Aber es erzeugt natürlich auch ein seltsames Gefühl. Ich versuche, die Zerstörung zu verdinglichen und zu objektivieren – d.h. ein subjektives Gefühl auf ein Objekt zu übertragen. Dadurch, dass es nicht Menschen sind, denen etwas passiert, sondern Gegenstände und Tiere, fällt es dem Betrachter leichter, den Vorgang objektiv zu betrachten. Man sieht die Ereignisse quasi aus einem distanzierten Blickwinkel, als wenn man die Erde aus dem All betrachtet.

Laura Baumann:
Der Zufall und das Prinzip einer radikalen Wandlung kennzeichnen auch dein Video "Flooded Home". Geht es dir wirklich um das Aufzeigen der Zerstörung eines idyllischen Heims?

Susanne Kutter:
Man kann sich über die Zerstörung einer Idylle, egal wie kitschig sie ist, nicht einfach erheben. Der Sinn einer Idylle ist, dass man an sie als an einen langlebigen Zustand glaubt, wenn man ihr begegnet. Eine Idylle enthält das Moment der Ewigkeit. Aber jede Idylle muss enden, sonst wäre es eben keine Idylle. Zudem ist eine Idylle auf Dauer unerträglich. Man kann sie nicht wertschätzen, wenn sie nicht auch zerstört wird.

Laura Baumann:
Zu deinen Ausstellungsobjekten gehört auch die kleinformatige, erzählerische Arbeit "Le Jardin de Fanny". Der Betrachter blickt von oben in einen scheinbar behüteten Raum.

Susanne Kutter:
Ja, ich glaube, "Le Jardin de Fanny" ist meine einzige Arbeit in dieser Ausstellung, die tatsächlich eine Idylle zeigt, und zwar eine unzerstörte. Aber auch nur deshalb, weil sie in einem improvisierten Ambiente lokalisiert ist. Der Karton ist wie ein Haus ohne Dach, oben offen, und erscheint dadurch ungeschützt. Der Betrachter kann das Innere observieren, der Inhalt ist nicht vor Blicken geschützt. Zu sehen sind intime, private Schnappschüsse, kombiniert mit Zeichnungen, die pornografische Elemente enthalten. Dadurch, dass sie aber sehr vereinfacht gezeichnet sind, zeigen sie zu wenig, um Pornografie zu sein und besitzen eine so persönliche Handschrift wie man sie in der Pornografie ebenfalls vermeiden würde. Beschrieben wird eher ein idyllischer Zustand, der zwei Menschen zusammenführt, dabei aber labil bleibt. Der Pappkarton ist sehr fragil, auch der Inhalt der Gegenstände des Interieurs ist nicht ewig haltbar. Die realen Umstände sind vergänglich. Gleichzeitig ist es keine abgeschlossene Geschichte, die erzählt wird. Stattdessen wird durch die in Endlosschleife gezeigten Dias eine Assoziationskette ohne Anfang und Ende hervorgerufen. Durch die Kombination realer Fotos mit fiktiven Zeichnungen ist außerdem vollkommen offen, was eigentlich wirklich passiert. Ein großer Anteil einer Idylle findet ja nicht unbedingt in der Realität statt, sondern nur in der Vorstellung des Betrachters.

 

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