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Werkstattgespräch mit Susanne Kutter und Miks Mitrevics, 3. Oktober 2010 (Auszug)
Montag Stiftung Bildende Kunst, Bonn
Anlässlich der Ausstellung "Update - Die Welt als Modell"

Moderatorin: Heike Mundt, Journalistin, Essen

Diese Abschrift beschränkt sich auf die Wiedergabe des Gesprächsteils von Susanne Kutter. Die vollständige Aufzeichnung des Werkstattgesprächs kann bei der Montag Stiftung Bildende Kunst in Bonn angefragt werden.

 

 

Heike Mundt:
Nach der ersten Ortsbegehung dieses Gebäudes, dieser „Baracke“ mit den kleinen Bürostuben, was hat das an ersten Ideen bei Euch in Gang gebracht? Das ist ja nicht gerade ein weißer Ausstellungsraum.

Susanne Kutter:
Auffällig fand ich, dass die Räume alle relativ gleich geschnitten waren und auch wie klein die Räume sind. Ich fand es als Phänomen interessant wie viel Lebenszeit man in einem so verhältnismäßig kleinen Raum verbringt, wenn man dort arbeitet. Das hat erst einmal gar nicht so viel mit meiner Arbeit zu tun, die ich dann hier realisiert habe, außer vielleicht, dass ich diese simple Raumstruktur übertragen habe in diese Grundform einer Box, quasi als Basis von Architektur, einfach ein kleiner Raum mit vier Wänden.

Heike Mundt:
Hat es Dich interessiert, dass das hier ein historisches Gebäude ist? Der Gebäudekomplex gehört ja zum ehemaligen Auswärtigen Amt. Damit ist dieses Haus kein unbeschriebenes Blatt.

Susanne Kutter:
Das ist etwas, dass man als zusätzliche Information mitbekommt, aber in erster Linie nicht sofort sieht. Mein Ansatz ist eher, dass ich mich hauptsächlich damit beschäftige, was man auch als uninformierter Betrachter sieht - und man sieht sofort, dass das hier Bürogebäude waren. Es sind Arbeitsräume, in denen eine Verwaltungstätigkeit ausgeübt wurde, welchen Inhalts diese Arbeit genau war, ist für mich eher zweitrangig. Entscheidend ist die Atmosphäre des Raumes an sich.

Heike Mundt:
Was interessiert Dich an Raum generell, die Größe, das Licht, die Außenwelt? Miks und Du, ihr habt beide auch ein bisschen die kleinen Ausstellungsräume gesprengt. Du hast Dir nicht nur einen kleinen Raum ausgesucht, sondern auch einen großen. Warum hast Du Dich dazu entschlossen?

Susanne Kutter:
Das hängt in diesem Fall von der Präsentationsform ab. Die ursprüngliche Idee war, dass riesenhaft mutierte Insekten von Menschen verlassene Räume bevölkern. Für die Umsetzung dieser Idee habe ich das Medium Video gewählt. Es war dann auch gleich klar, dass das Video groß projiziert werden muss, sonst kann keine wirklichkeitsnahe Illusion entstehen, wenn man das Video anschaut. Für eine große Projektion sind die kleinen Büroräume mit 3,50 m Länge aber etwas zu klein. Der Betrachter braucht einen gewissen Abstand, um eine große Projektion gut anschauen zu können.

Heike Mundt:
Man hätte es ja auch anders machen können. Man hätte einen kleinen Raum nehmen können. Das wäre dann die Begegnung mit Deinen Protagonisten in einem engem, einem kleinen Raum. Für alle, die die Arbeit noch nicht gesehen haben, es ist eine Videoarbeit, in der vier kleine Modellräume zu sehen sind, quasi eine Vierraumwohnung, die außergewöhnlich große Bewohner haben, eine große Spinne, ein Schabe, mehrere Fliegen und einen Schmetterling. Die Frage jetzt noch einmal an Dich, es hätte ja auch ganz eng, ganz klein bleiben können.

Susanne Kutter:
Das hätte sein können, aber im Kino zum Beispiel sitzt man auch ungern in der allerersten Reihe. Wenn ich als Betrachter keinen Abstand nehmen kann, um das Bild als Ganzes anzuschauen, weil der Ausstellungsraum zu klein ist, dann funktioniert die Präsentation des Videos nicht so gut. Die Projektionsfläche muss ja eine bestimmte Größe haben, damit man sich räumlich hinein versetzen kann in die Geschehnisse auf der Leinwand. Hätte ich das Video kleiner projiziert, bliebe das Bild wieder nur eine Miniatur. Und bei dem Video geht es ja gerade um die Illusion eines Modells, das Realität vortäuscht. Hätte ich das Video zum Beispiel auf einem Monitor gezeigt, dann würden die Geschehnisse selbst wieder modellhaft wirken, wenn ich das Video aber groß projiziere, dann nähert sich der abgebildete Raum dem Verhältnis 1:1 zur Realität an.
Darum habe ich mich für einen großen Raum entschieden. Es war eben wichtig für das Video, dass man einen gewissen Abstand nehmen kann, damit man als Betrachter das Videobild in seiner Gesamtwirkung wahrnehmen kann und sich nicht bloß in einem Geflimmer von Details verliert – wie eben im Kino in der ersten Reihe. Die Geschichte soll ja in der Vorstellung des Betrachters entstehen, und nicht dadurch, dass man sich in einem besonders engen Raum befindet. Mir geht es um die Geschehnisse im Video. Sie sollen bestimmte Gefühle erzeugen, und dazu muss man in erster Linie das Video optimal anschauen können.

Heike Mundt:
War Dir das von vorn herein klar, die beiden Räume so zu bespielen - das Modell in den kleinen Raum, und das Video in den großen Raum?

Susanne Kutter:
Das Modell braucht ja nicht soviel Abstand. Da wird man dicht davor stehen bleiben, um rein gucken zu können in die kleinen Kartons. Also kann man das Modell sehr gut in einen kleinen Raum stellen. Das erzeugt dann auch eine räumliche Dichte, die die Wahrnehmung des Modells unterstützt. Es war also sehr schnell klar, dass das Video in den großen Raum muss und das Modell in den kleinen Raum. Ich wollte auch, dass man das Video zuerst anschaut, bevor man das Modell sieht, deshalb kommt man zuerst in den Raum, in dem das Video zu sehen ist. Es war mir wichtig, dass die Besucher nicht zuerst das Modell sehen, sondern zunächst die Geschichte erzählt bekommen, die darin stattgefunden hat. Sonst wäre das Ganze sofort entzaubert.

Heike Mundt:
Ich möchte die Arbeit auch gar nicht so genau analysieren, heute geht es eher um die handwerkliche Ebene, deshalb soll es ja auch ein Werkstattgespräch sein und eher die Ebene beleuchten wie man sich der Idee nähert. Wie kommen denn die Ideen zu Dir? Miks hat gesagt, er schöpft seine Ideen aus den Erfahrungen des Alltags und der Betrachtung seiner Außenwelt. Wie entstehen die Ideen bei Dir? Machst Du Fotos, Skizzen oder schreibst Du Erfahrungen auf? Verstehst Du Dich eher als Sammler oder als Jäger?

Susanne Kutter:
Für mich schließt sich das gegenseitig nicht aus. Das Jagen haben traditionell vielleicht eher die Männer gemacht, das Sammeln die Frauen, egal – wie auch immer – beides ist in jedem Fall „sich Welt aneignen“ in irgendeiner Form. Es ist also irgendwie dasselbe, finde ich. Was ich schon generell denke, ist, dass Künstler ganz gute Beobachter sind, ob sie jetzt dazu Fotos machen müssen oder Soundfragmente nehmen müssen oder eine Skizze machen müssen, ob das so eins zu eins passieren muss, sich Welt anzueignen, das weiß ich nicht. Oder ob es nicht einfach reicht, dass man etwas nur sieht oder hört. Das kann ich nicht so genau sagen. Manchmal muss ich ein Foto machen, manchmal auch nicht, aber meistens behalte ich die Sachen einfach so in Erinnerung. Ich dokumentiere gar nicht so viel. Ich habe gar nicht so viele Dokumentationen von Reisen oder so.

Heike Mundt:
Das heißt, Du speicherst auch eher im Kopf.

Susanne Kutter:
Ja.

Heike Mundt:
Ich habe das deshalb gefragt, weil viele immer diese kleinen Minicomputer in ihrer Tasche haben, aber eine Zeichnung oder eine Skizze ist natürlich Teil der künstlerischen Arbeit, hat eine andere Auswirkung, als wenn man nur Notizen macht. Und das interessiert mich, ob Du Fragmente von Ideen aufbewahrst und so eine Art Kasten hast, wo Du dann immer durchblättern kannst?

Susanne Kutter:
Ich habe schon auch Skizzenbücher, aber da sind nicht so aufregende Skizzen drin. Ich mache nicht ständig eine Skizze von irgendetwas. Es gibt schon auch Skizzen von den Modellen, das sind dann so Grundrisszeichnungen, bei denen ich dann versuche, mir darüber klar zu werden, wie die Proportionen der Räume ungefähr sein müssen. So etwas gibt es natürlich schon. Ein bisschen wie bei einem Architekten, nur viel dilettantischer.

Heike Mundt:
Wobei Dich ja nicht nur die Anordnung der Räume interessiert, sondern auch gleich der Inhalt, oder?

Susanne Kutter:
Ja, aber der Inhalt der Räume ergibt sich eben auch oft daraus, was man gerade so findet. Beispielsweise kann es sein, dass man in irgendein Geschäft geht und ein schönes Papier sieht, bei dem einen das Muster an traditionelle Küchenfliesen erinnert. Man kauft es dann vielleicht, manchmal auch ohne zu wissen, ob man es jemals brauchen wird. Wie das Innenleben dieser Räume genau aussieht, das gestaltet sich tatsächlich fast ein bisschen zufällig und hängt davon ab, welche Sachen man in dem Moment gerade findet, welches Material man noch im Atelier herum liegen hat oder was man mal irgendwo gesehen hat. Manchmal erinnert man sich plötzlich an etwas, das man vor längerer Zeit gekauft oder gefunden hat, und plötzlich merkt man, dass dieses Ding etwas damit zu tun hat, was man gerade macht. Also, da ist ganz stark der Ausgangspunkt das Material.

Heike Mundt:
Wo findest Du denn Deine Materialien? Bist Du eher jemand, der den Sperrmüll durchforstet oder auch das Sortiment im Baumarkt kennt, um da mal zu gucken, was es dort so an spannenden Farbigkeiten und Materialien gibt?

Susanne Kutter:
... Überall, also ich kann genauso im Geschenkartikelladen was finden oder sonst irgendwo. Ich habe beispielsweise immer, wenn ich auf Reisen war, herumliegende Kartons fotografiert, wenn ein Karton so da lag, dass er sich nicht nach oben öffnet, sondern zur Seite, also so auf die Seite gekippt. Ich habe in den USA oder sonst irgendwo Fotos davon gemacht, weil der Karton dann plötzlich so ein kleiner Raum in einer riesigen Landschaft war, da tut sich plötzlich ein Raum auf, das hat mir sehr gut gefallen. Ich kann das jetzt aber auch nicht so genau sagen, wo das Material oder die Inspiration herkommen. Das ist eben ganz unterschiedlich.

Heike Mundt:
Mich interessiert mehr, was Dich daran fasziniert hat. Also ein Karton, der jetzt irgendwo in Amerika an einer Tankstelle herumliegt, der ist ja auch ein verlassener Ort. Da sind Menschen weg, da lässt man was übrig. Interessiert Dich mehr diese Pappe, dieses Material oder wie dieses Ding dann da liegt?

Susanne Kutter:
... Ja, alles. Wie es da liegt, das heißt für mich, da ist plötzlich ein Raum in einer Landschaft, der ist natürlich zu klein, um darin zu wohnen, aber es ist an sich schon eine Art Modell von Architektur in einer Landschaft. Dann kommt hinzu, dass dieses Arrangement zufällig entstanden ist. Das halte ich immer für eine ganz große Qualität, wenn etwas zufällig entsteht und man nicht zuviel plant. Weil das Geplante natürlich immer Wirklichkeit auf eine bestimmte Idee reduziert. Und häufig ist dann auch nicht mehr drin in dem Objekt als diese eine Idee. Es ist dann häufig nicht so vielschichtig. Der Zufall bringt oft noch etwas ein, was man vorher nicht beabsichtigt hat. Das kann ganz schön sein.
Die Pappe an sich ist natürlich auch sehr interessant. Sie ist sehr schnell vergänglich. Man beschleunigt damit praktisch den Faktor Zeit in dem bildhauerischen Prozess. Bis ein Gebäude auf diese Art und Weise verfällt oder bis Holz so verfällt, das dauert unheimlich lange. Bei einer Pappe, da muss man nur mal kurz ein bisschen dagegen treten, und dann sieht sie auch gleich so aus, als hätte sie zehn Jahre hinter sich. Das ist also ein dankbares Material zum Arbeiten, wenn einen die Phänomene Zeit und Vergänglichkeit interessieren.

Heike Mundt:
Ist es denn jetzt nicht auch bei Dir so, dass die Materialien so wie sie da eingebaut sind, alle einzeln eine Geschichte erzählen? Das ist ja kein Zufall, dass Du eine bestimmte Sorte Kacheln oder einen Kronleuchter genommen hast. Wie setzt Du das ein?

Susanne Kutter:
Das ist jetzt aber eine sehr komplexe Frage. Zum einen hat man die Gestalt der Räume, und die entspricht eben keinem Ideal. Das sind ja Räume, die renovierungsbedürftig sind oder besser gesagt, damit diese Räume eine ideale Gestalt erhalten können, also bewohnbar werden können, müsste man sie erst einmal gründlich aufarbeiten. Das widerspricht wiederum dem Modellgedanken, ein Modell soll ja eigentlich einen Idealzustand zeigen. Das tun diese Objekte aber nicht, die zeigen eben den Verfall oder den Zerfall.
Und dann wiederum gibt es darin so ein Element wie einen Kronleuchter, der schon eher ein Symbol ist, das auf einen ewigen Zustand hinweist. Dadurch beispielsweise, dass seine Lichter im Kreis angeordnet sind – der Kreis ist ein Symbol für Unendlichkeit, weil er keinen Anfang und kein Ende hat. Dann gibt es in den unterschiedlichen Räumen das Element des Lichts in verschiedenen Varianten. Licht wiederum ist ein Symbol für Energie und Leben an sich. Nimmt man wiederum eine Kerze, dann symbolisiert sie eher die Endlichkeit des Lebens. Da kommen mehrere Ebenen zusammen. Es gibt bestimmte räumliche Strukturen in dem Modell mit Türen und Fenstern und Tapeten, die ebenfalls eine Bedeutung haben. Aber das ist im Detail schon sehr komplex. Da kann ich so generell gar nichts Konkretes sagen.

Heike Mundt:
Ich kann auch anders herum fragen. Wenn man den Raum mit dem Pfauenauge nimmt, ein kleiner Raum aus Pappe, warum ist es da ein Kronleuchter, ein Kristalllüster, der ja wiederum eine kleine Geschichte erzählt, warum ist es da nicht nur eine nackte Glühbirne?

Susanne Kutter:
Der Kronleuchter hat zum einen diese ringförmig angeordneten Lichter, früher sind es immer Kerzen gewesen, heute sind es natürlich elektrische Lichter. Also, das Element des Feuers ist darin ringförmig angeordnet. Zum anderen hängen unten darunter die Glastropfen, diese tropfenförmigen Kristalle, die vielleicht Wasser symbolisieren. Dann hat man diese zwei gegensätzlichen Elemente, Feuer und Wasser in einem Objekt, vereint in einem Ring, quasi in Ewigkeit, die sich gegenseitig maximale Ästhetik oder Schönheit verleihen. Das Licht im Wassertropfen, im Kristalltropfen, spaltet sich im Prisma in seine Spektralfarben auf. Vielgestaltiger oder schöner kann sich Licht eigentlich kaum darstellen. Und dann ist da andererseits das Wasser, beziehungsweise der Kristall, er zeigt sich ebenfalls schillernd bunt in allen Farben, weil Licht auf ihn fällt. Er ist nicht bloß transparent und farblos. Es sind zwei gegensätzliche Elemente, die sich normalerweise auslöschen, ewig vereint in maximaler Schönheit - was soll ich da noch dazu sagen?

Heike Mundt:
Ich hatte eigentlich an etwas viel Praktischeres gedacht. Wo hast Du denn so einen kleinen, winzigen Kristalllüster her?

Susanne Kutter:
Ach so... ja, den kann man in einem Modellbedarfsladen für Puppenstuben kaufen.

Heike Mundt:
Man fragt sich natürlich, wo die kleinen Lüster herkommen, ob Architekten auch so etwas haben, wenn sie jetzt beispielsweise Paläste planen?

Susanne Kutter:
Keine Ahnung, wenn das Budget hoch genug ist? Also, ein kleiner Kronleuchter kostet ungefähr 100 Euro. Dann ist das kein Problem, welche reinzusetzen.

Heike Mundt:
Hast Du diese Materialien im Atelier auch schon auf Vorrat? Bist Du jemand, der auch sammelt?

Susanne Kutter:
Die kleinen Lämpchen kaufe ich schon, wenn ich eine sehe, die mir gefällt. Und ich sammle alte Kartons und Holzstückchen, Plastikteilchen, Papiere und Stoffe. Stoffe sammele ich wirklich ganz gern.

Heike Mundt:
Verrate uns doch bitte wie Dein Atelier aussieht. Ist das eher ein riesiges Materiallager?

Susanne Kutter:
Nein.

Heike Mundt:
Oder ein Denkraum, der nur puristisch eingerichtet ist?

Susanne Kutter:
Nein, auch nicht. Das ist eine Wohnung. Ich finde es ganz passend zu meinen Arbeiten, dass es eine Wohnung ist, und keine Fabriketage oder so etwas. So ganz große, handwerkliche Tätigkeiten übe ich ja auch nicht aus, mal einen Sockel bauen oder ein Modell aufbauen, das kann man dort problemlos machen. Dann gibt es natürlich verschiedene Materialkisten. Es gibt eine Stoffkiste, eine Papierkiste, ein bisschen Holz, Draht, Minilämpchen, einige Puppenstubenmöbel, aber soviel ist das eigentlich gar nicht. Auch viele übliche Bastelutensilien.

Heike Mundt:
Was brauchst Du denn um Dich herum, wenn Du anfängst zu arbeiten? Eher einen leeren Tisch, damit Du wirklich gut denken kannst? Oder kommt der Arbeitsprozess eher durch das Durchsortieren von Materialien in Gang? Wie läuft das bei Dir?

Susanne Kutter:
Das ist alles miteinander vermischt. Man sieht plötzlich irgendetwas und denkt dabei an etwas Bestimmtes. Also, ich habe beispielsweise dieses Papier gesehen und habe gedacht, das sieht ja aus wie Kacheln. Ich habe das Papier aber schon vor drei Jahren gekauft, als ich noch gar keine Küche basteln wollte. Die grundsätzliche Idee war ja eine renovierungsbedürftige Wohnung mit Insekten darin zu basteln und diese zu filmen. Um diese Idee zu bekommen, brauche ich erst einmal kein Material und gar nichts. Das kann ich mir im leeren Raum ausdenken. Wenn ich mir dann aber vornehme, diese Küche zu basteln, dann erinnere ich mich wieder an das Papier und denke, es wäre doch vielleicht ganz schön, wenn diese Küche so ein bisschen hausbacken-traditionell aussähe. Dann gibt es darin ja auch noch Gardinen, aber die habe ich auch eher hin gehängt wegen des Lichteinfalls, weil ich etwas dahinter verstecken wollte. Und so kommen die Entscheidungen dann nach und nach.

Heike Mundt:
Aber Du hast doch die Tiere, Deine Hauptdarsteller, nicht gerade in Deinem Materiallager, oder? Hast Du da etwa lauter Gläser mit Tieren?

Susanne Kutter:
Nein, die Schaben kann man im Zoobedarf kaufen. Die werden verfüttert an Schlangen und Reptilien. Ja, das ist so. Und die Spinne, die gab es bei meiner Oma auf dem Land. Meine Oma wohnt auf einem Bauernhof, und da gibt es so große Spinnen. Vor denen hatte ich schon als Kind Angst. Und ich wusste ganz genau, wenn ich dahin fahre, dann finde ich dort auf jeden Fall eine große Spinne. Und so war das auch. Ich habe die Spinne dann mitgenommen nach Berlin und habe mit ihr diesen Dreh gemacht. Die Fliegen habe ich bei uns im Hof gefangen. Und der Schmetterling ist mir ins Atelier geflogen. Das war Zufall.

Heike Mundt:
Das sah dann so aus, als ob Du das alles geplant hättest.

Susanne Kutter:
Ja.

Heike Mundt:
War das bei der Spinne dann schon klar, dass das eine Szenerie mit den Fliegen werden würde? Man hätte ja auch die Fliegen ganz allein hinein setzen können – oder die Spinne allein in ein Zimmer?

Susanne Kutter:
Ja, das war von Anfang an klar. Ich habe 2003 schon einmal eine Arbeit mit Fliegen in einem Modell gemacht. Damals habe ich gesagt, da setze ich auf gar keinen Fall eine große Spinne rein. Das passte einfach nicht zu der damaligen Arbeit. Jetzt habe ich aber die Arbeit etwas verändert und dachte mir, das muss eben doch sein. Es war also auf jeden Fall geplant.

Heike Mundt:
War die Spinne damit einverstanden, gleich eine Rolle in Deiner Arbeit zu spielen? Ich könnte mir vorstellen, eine Spinne hat nicht gerade Interesse unter einem Scheinwerferlicht zu sitzen und gefilmt zu werden?

Susanne Kutter:
Ich weiß nicht, ob die das so interessiert. Die Spinne habe ich ja auf diesem Bauernhof meiner Oma eingefangen. Wir haben dann dort erst noch den neunzigsten Geburtstag von meiner Oma gefeiert. Dann habe ich die Spinne nach Berlin mitgenommen. Das heißt, die Spinne musste erst einmal zweieinhalb Tage hungern. Schließlich musste ich mich schon sehr beeilen, damit ich endlich dieses Video machen konnte, ohne dass mir die Spinne in der Zwischenzeit verhungert. Ich habe die Spinne dann am Abend vor dem Dreh ins Modell gesetzt. Das hat mal locker fünfundzwanzig Minuten gedauert, weil ich solche Angst vor ihr hatte. Dann hat sie über Nacht ein Netz in einer Ecke am Boden gebaut. Diese Spinnen versuchen, ihre Beute unter das Netz zu jagen oder sie direkt zu fangen, indem sie sie anspringen. Normalerweise fangen diese Spinnen eher Kellerasseln oder andere krabbelnde Insekten, aber weniger Fliegen. Jedenfalls, als dann endlich die Fliegen in das Modell kamen, konnte man sofort merken, dass die Spinne total unruhig wurde, weil sie so lange nichts gefressen hatte. Sie hat sofort gemerkt, jetzt geht’s um alles. Sie musste unbedingt eins von diesen Tieren fangen. Und so war es dann ja auch.

Heike Mundt:
Ich habe auch den Eindruck, es überträgt sich sehr stark diese Unruhe und diese Nervosität der Spinne, wenn man das Video anschaut.

Susanne Kutter:
Die hatte einfach richtig Hunger.

Heike Mundt:
Hat Dich an dem Schmetterling auch die Farbe interessiert? Der ist Dir zwar zufällig zugeflogen, aber er hat natürlich eine wunderschöne Farbigkeit in diesem kargen, eher farblosen Raum.

Susanne Kutter:
Na ja, es geht immer um eine Verschiebung von Realität. Indem der Schmetterling die Flügel aufklappt, sieht er aus wie ein ganz großes Tier. In diesem Fall fand ich das Moment der Täuschung sehr interessant, dass diese zwei Augen auf den Flügel aussehen wie Augen einer Eule oder so ähnlich. Dieses Tier hat als Strategie, seine Gestalt zu verändern. Das ist seine Überlebensstrategie. Die Spinne wiederum hat als Strategie dazusitzen und zu warten, bis etwas vorbei kommt. Die Fliege hat als Strategie, relativ schnell wegfliegen zu können. Da treffen verschiedene Formen von Strategien zusammen, und das fand ich bei dieser Arbeit interessant. Die Strategie bestimmt das jeweilige Verhalten, die Handlungsmöglichkeiten und die äußere Gestalt des Lebewesen. Diese Beschränkung auf ein bestimmtes Verhaltensmuster finde ich interessant.

Heike Mundt:
Wie fiel bei Dir die Entscheidung der Kameraperspektive? Es hätte da ja vielleicht auch andere Möglichkeiten gegeben. Man hätte auch von oben in den Karton hinein filmen können.

Susanne Kutter:
Es ist wichtig, dass man als Betrachter einen Blickpunkt einnimmt, den man auch als Mensch einnehmen würde, wenn man quasi in diesem Karton wohnen würde.

Heike Mundt:
Spielt das auch eine Rolle, dass man sich mit diesem Tier auf eine Augenhöhe begibt? Man würde ja normalerweise nicht diese Position einnehmen, um mit der Spinne auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ist das auch wichtig?

Susanne Kutter:
Ja, die Verschiebung des Blickpunktes ist natürlich ganz entscheidend, damit man als Betrachter dieses Tier mit einer menschlichen Sichtweise in Beziehung setzen kann.

Heike Mundt:
Man kann ja diese Tiere nicht wirklich lesen, selbst wenn man sich mit ihnen auf eine Augenhöhe begibt wie bei Deiner Arbeit. Das ist ja schon sehr spannend, dass man die Mimik der Tiere gar nicht richtig verstehen kann.

Susanne Kutter:
Ja, das ist schon das Interessante an Insekten, dass das zwar auch Lebewesen sind wie wir, aber schon sehr fremdartig in ihrer Gestalt. Das Fremde an sich ist einem immer etwas unheimlich, weil man nicht genau weiß, wie verhält sich dieses andere Lebewesen mir gegenüber. Und insofern war es natürlich mal interessant, das Ganze so aufzublasen, dass es menschliche Dimensionen bekommt, und die Perspektive zu wechseln. Trotz ihrer Fremdartigkeit sind es Lebewesen, die uns dadurch, dass sie sich bewegen und in einer bestimmten Art und Weise handeln, an menschliche Handlungsweisen erinnern. Wir identifizieren uns in gewisser Weise mit dieser beschränkten Handlungsweise.

 

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