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"UN-HEIM"
Stefan Rasche, 2004


Nicht nur rechtlich betrachtet genießt die Unversehrtheit der Wohnung hohen Schutz und Stellenwert: Jedes ungebetene Eindringen in die Privatsphäre anderer bedeutet eine Grenzverletzung, die entweder – erfolgt sie physisch konkret – eine Straftat darstellt oder, sofern es sich „nur“ um eine Einblicknahme von außen handelt, gegen ein gültiges Tabu verstößt. „Hausfriedensbruch“ lautet anschaulich jener Tatbestand, zu dessen Abwehr wir diverse Barrieren an den Schwachstellen unserer inneren Sicherheit, den Türen und Fenstern, installieren.   

Dass die eigenen „vier Wände“ eine komplexe Problemzone sind, lässt sich ebenso an der Entwicklung des (menschenleeren) Interieurs ablesen. So fand das bürgerliche Zimmerbild seine zentrale Gattungssymbolik in einer psychologisierenden Innerlichkeit, in der die allgemeinen Rückzugstendenzen aus der politisch-öffentlichen Sphäre zum Ausdruck kamen. Folglich ergeben Möbel und Ausstattung nicht nur ein verdichtetes Stimmungsbild, sondern sie stehen stellvertretend für den Seelenzustand der (abwesenden) Bewohner, so dass der Betrachter wohl oder übel die Sichtweise des Voyeurs einnimmt.    

Hat das Zimmer als „Weltersatz“ im Kleinen in der zeitgenössischen Kunst an Bedeutung verloren? Angesichts zunehmend globaler Problemstellungen scheint ein solcher Verdacht begründet. Und doch ist das Interieur keinesfalls obsolet, sondern erweist sich als probater Modellfall für das heikle Verhältnis von öffentlichem und privatem Raum, das in modischen Begriffen wie „New Homing“ oder „Cocooning“ seinen Ausdruck findet. Denn nicht zuletzt ist es diese anhaltende Tendenz, sich von den Zumutungen der Außenwelt abzuschotten, die das eigene Heim erneut in den Fokus künstlerischen Interesses rückt. 

Wie sehr die menschliche Behausung dazu neigt, sich in ihr Gegenteil, in Chaos und Verwirrung zu verkehren, zeigen die Arbeiten von Susanne Kutter auf ebenso vielfältige wie radikale Weise. Frühe Installationen belegen zunächst den skulpturalen Ansatz unter Verwendung diverser Alltagsgegenstände, die stets als Spurenträger lesbar sind – so zum Beispiel „Zimmer frei“, ein mosaikhaftes Feld aus gebrauchten Teppichen und Bodenbelägen, das Susanne Kutter im Innenhof eines westfälischen Schlosses auslegte, oder „5 ZKB mit Blick aufs Meer“, eine komplette Möblierung ohne jede Zwischenwand, mit der sie den münsterschen Wewerka-Pavillon, einen allseits verglasten Schauraum, versah.

Kam dem Betrachter hier wie dort die aktive Rolle zu, das Ensemble durch den Wechsel der Perspektive Schritt für Schritt zu erkunden, so übernahm Susanne Kutter mit ihren nachfolgenden Videoarbeiten die strategische Spielleitung umso mehr. Grundlage bilden wiederum inszenierte Wohnräume, die nunmehr desaströsen Prozessen von eigener Dynamik überantwortet werden. Den Auftakt markiert das Video „Moving Day“, für das sie einen Lastwagen-Container als Wohnstube eingerichtet hat, um dann mit der Kamera jene Verwüstungen aufzuzeichnen, die bei der holprigen Fahrt durch den Stadtraum entstanden. Wenn man so will, ein imperfektes Wohnmobil, in dem am Ende nichts an seinem angestammten Platz bleibt: Was mit kleinen Erschütterungen beginnt, steigert sich zu immer größeren Katastrophen, bis schließlich die mächtige Schrankwand kippt und den Blick in den zerstörten Raum fast vollständig versperrt.  
Ist es hier die Schwerkraft, die über das Schicksal der Möbel entscheidet, so liegt der Videoarbeit „Flooded Home“ die Idee zu Grunde, eben diese physikalische Größe außer Gefecht zu setzen. Zunächst im Modell erprobt, dann 1:1 in einem Schwimmbad realisiert, wird ein Interieur geflutet, bis der Raum – und mit ihm die fest montierte Kamera – ganz unter Wasser stehen. Und verlieren die Möbelstücke durch den steigenden Pegel nach und nach ihre Bodenhaftung, um eine Zeit lang an der Oberfläche zu schwimmen, so offeriert die anschließende Unterwassersequenz ein schwereloses, in grünes Licht getauchtes Treiben. Dass solche katastrophischen Ereignisse Bilder von merkwürdig entrückter Schönheit erzeugen, zeigt auch „Nepal vario“, ein möbliertes Zelt, in dem Susanne Kutter mittels Puderzucker und Kompressor einen Schneesturm entfacht hat. Zurück bleibt das Bild einer verlassenen Wohnstation, deren Ausstattung unter dem weißen Pulver wie tiefgefroren scheint.                 

Ganz ohne Zerstörung, und doch von heftigen Tumulten beherrscht, vollzieht sich das filmische Geschehen in „Sonntag Nachmittag um vier“. Per Kamera live in den dunklen Raum übertragen, ist wiederum ein Interieur zu sehen, das Susanne Kutter als Miniaturmodell konstruiert hat. In diese Box sind etwa 15 Stubenfliegen eingesperrt, die gemessen an der Größe des Mobiliars wie monströse Mutationen wirken. Was zunächst, täuschend echt, als ganz normales Wohnzimmer erscheint, ändert seine Dimension dramatisch, sobald die riesigen Fliegen geräuschvoll umherschwirren: Eine Invasion, die die sonntägliche Langeweile zwar abrupt vertreibt, die behagliche Heimstatt aber in einen höchst suspekten Ort verwandelt. Auch hier wird der Innenraum zum szenischen Set jener un-heimlichen Kräfte, die hinter der Oberfläche häuslicher Verhältnisse lauern, um – einmal entfesselt – eine substanzielle Sinnkrise auszulösen.      

So präzise die Manöver sind, mit denen Susanne Kutter diese und andere Idyllen durchkreuzt, so wenig beruhen sie auf trickreicher Täuschung. Denn alle Fragen nach dem Wie, die ihre Arbeiten auf Anhieb auslösen mögen, erklären sich von selbst, je länger man dem irritierenden Geschehen beiwohnt. Geradezu programmatisch – und nicht ohne Ironie – kommen in diesem Sinne die „Swaying Palm Trees“ daher, die wiederum ein Unwetter simulieren. Dazu werden zahlreiche Requisiten, eine Lichtquelle und ein Ventilator so arrangiert, dass die Projektion dreier im Sturm bewegter Palmen vor rotem Himmel entsteht. Angesichts des eigentliches Bildes erscheint die raumfüllende Anordnung freilich übergroß: Ein bewusst inszeniertes Missverhältnis von Ursache und Wirkung, mit dem die skulpturale Apparatur die von ihr erzeugte Illusion offen-sichtlich entzaubert.

Die heikle Schwebe zwischen Wirklichkeit und Simulation, zwischen Normalität und Entfremdung lotet schließlich auch jene bunt leuchtende Buchstaben-Arbeit aus, die Susanne Kutter aus Neonröhren, Pappen und Folien dem Schriftzug der Supermarktkette „real,-“ nachempfunden hat. Und auch hier ist der Name Programm, wenn sie das selbstredende Logo aus der Welt des Warenkonsums in den musealen Raum transportiert, wo es unversehens zum vieldeutigen Menetekel wird. Mit den übrigen Arbeiten verbindet dieses billige Zeichen zudem eine Brüchigkeit, die sowohl den Sinn als auch das Material ereilt: Unverdächtig auf den ersten Blick, der Sphäre wohliger Alltäglichkeit entlehnt, erleben die Orte und Gegenstände ihrer Inszenierungen eine ebenso schmerzhafte wie lustvolle Zersetzung, aus der am Ende neue Bilder und Bedeutungen entstehen.    

In: Susanne Kutter. To live in Paradise, hrsg. v. GWK - Gesellschaft für Westfälische Kulturarbeit, Münster 2004.

 

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