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"Über die unwahrscheinliche Physik in Susanne Kutters Arbeiten: Katastrophen und andere komische Angelegenheiten"
Gianluca Ranzi, 2004


Wann immer wir ein Geschehen auf dem Bildschirm verfolgen, tendieren wir mehr oder weniger bewusst dazu, es mit einer irgendwie vergleichbaren Handlung im realen Leben in Beziehung zu setzen. Wir sind geneigt, mit einer gewissen Erwartungshaltung die Entwicklung einer Handlung zu verfolgen, und glauben zu wissen, wie bestimmte Dinge normalerweise funktionieren. Diese Form der Erwartung ergibt sich aus gewissen kulturellen Konventionen, die unser alltägliches Leben bestimmen. Jede Erzählung ist auf der Basis einer solchen impliziten Komplizenschaft, Kohärenz und inneren Logik aufgebaut, die entsprechende Wahrscheinlichkeitskoeffizienten konstituieren.

Und dann auf einmal geschieht etwas, das unsere Erwartungshaltung durcheinander bringt, nicht unbedingt etwas vollkommen Absurdes, sondern vielleicht eher eine semantische Störung, eine Inkongruenz, die uns die Welt anders präsentiert, als sie unserer Meinung nach zu sein hätte. Ereignisse nehmen einen anderen Verlauf als erwartet, die Dinge funktionieren nicht wie sie sollten. Die Videoarbeiten von Susanne Kutter beschreiben anfänglich eine Situation tradierter Trägheit und Gelassenheit, die durch die Einführung eines turbulenten Elements in den Zustand einer offenen Katastrophe umgedreht wird. Bei Arbeiten wie "Nepal vario", "Moving Day", "Sonntag Nachmittag um Vier" und "Flooded Home" wird als Ausgangspunkt eine Situation der Ruhe, Ordnung, Sauberkeit und Normalität angenommen, die anschließend durch eine Reihe verstörender Maßnahmen aufgehoben wird, indem das vermeintliche Gleichgewicht der Umgebung irritiert und in den Zustand der vollständigen Zerstörung ("Moving Day", "Flooded Home") oder der symbolischen Annullierung ("Nepal vario", "Sonntag Nachmittag um Vier") überführt wird. Das Spezifische der Arbeiten von Susanne Kutter lässt sich jedoch weder am katastrophalen Endzustand der Aktionen festmachen noch an ihrer konzeptuellen oder metaphorischen Hermeneutik. Es geht vielmehr darum, die Aufmerksamkeit auf jenen verändernden Moment zu richten, der die plötzliche Wendung in der linearen Handlung hervorruft und eine Lücke sichtbar werden lässt zwischen allgemeiner Erwartung und tatsächlichem Resultat.

Der Phänomenbereich, auf den  die Arbeiten verweisen, erinnert an die Katastrophentheorie des französischen Mathematikers René Thom (1923-2002), einen mathematischen Versuch, jene Situationen zu beschreiben, in denen allmählich wechselnde physikalische Kräfte die abrupte Zustandsänderung eines Systems und somit eine sogenannte Katastrophe herbeiführen. So wie bei einem Schreibtisch das horizontale Oberteil auf die vertikale Seite trifft, exemplifiziert die Ecke, an der sich die beiden unterschiedlich funktionalen Oberflächen mit gegenläufiger Ausrichtung treffen, nach Thom den  Ort, an dem die Katastrophe stattfindet. Ursprünglich wurde die Diskontinuität hervorgerufen von dem Schneideblatt der elektrischen Säge, welches die Holzbretter auf ihre spätere Funktion als Teil eines Gebrauchsgegenstandes zuschneidet und damit die Kontinuität des Holzes unterbricht. Aus dem 'Konflikt' zwischen Säge und Holz entsteht eine neue Form, so wie wir sie jetzt vorfinden. Susanne Kutters Inszenierungen einer Katastrophe stellen keine Flucht aus der Realität oder aus dem Sozialen dar, sondern folgen eher der Idee Heraklits, für den Zerstörung der Ursprung aller Dinge ist. Sie enthüllen einen Widerspruch, der einen neuen Raum vorstellt, angesiedelt zwischen Ausgangs- und Endpunkt des Geschehens, zwischen zwei Momenten, die signifikante Merkmale gegenüberstellen, wie sich auch die zwei Flächen des Schreibtisches gegenüberstehen.

In ihren Arbeiten eröffnet die Künstlerin unvorhergesehene Szenarien, die vollkommen überraschend das Gewohnte und Erwartete außer Kraft setzen, die Erscheinung seines Gegenteils hervorbringen oder manchmal in eine unbekannte Welt entführen. Die schwerelos dahintreibenden Objekte in "Flooded Home" erzeugen einen doppelt paradoxen Effekt: Indem sie an Gewicht und Stabilität verlieren, werden die Regeln der Physik unterwandert, womit aber auch ihre Semantik und Funktion als Gebrauchsgegenstände gestört wird. Gezwungen zu einer beinahe wörtlich zu nehmenden 'Bauchlandung', scheinen sie dem Drehbuch einer Slapstick-Komödie der zwanziger Jahre entsprungen zu sein.

Die Analogie zu jener auf den Kopf gestellten Welt des amerikanischen Stummfilms passt genau auf die Arbeit Susanne Kutters, die sehr viel von der Charakteristik der Buster-Keaton-Filme aufweist. Auffallenderweise taucht sogar das Thema der 'häuslichen Katastrophe'  wieder auf. "The Rough House", "The Haunted House", "The Playhouse", "The Electric House" sind alles Filme, die, basierend auf der Idee einer drohenden Katastrophe, den Abriss des Hauses thematisieren oder es wenigstens in einen unbewohnbaren Ort verwandeln. Wenn bei Keaton – wie in seinem Film "The Scarecrow" – die Haushaltsgegenstände sich wechselseitig in ihrer Funktion ablösen und der Kühl- zum Bücherschrank, das Sofa zur Badewanne, das Grammophon zur Heizung mutieren, so erinnert dies an das unwirkliche Zusammentreffen der Gegenstände in der gefluteten, schwebenden Rumpelkammer in Kutters "Flooded Home".  Der Rutsch in ein trichterförmiges Gebilde und somit ins unabwendbare Chaos in Keatons Film "One Week" findet eine Entsprechung in Kutters "Moving Day", während die doppelte Verdrehung (Realität/künstliche Staffage, Schein/Wirklichkeit) in der Eröffnungsszene von Keatons "The Boat" auf Kutters "In fünfzehn Minuten Freischwimmer" oder "Swaying Palm Trees [...]" verweist.

Kutter wie Keaton verbinden den Effekt der Turbulenzen mit seiner andauernden Wiederholung, die dem Gewohnten unsichtbar zugrunde liegt und andeutet, was Freud 'das Unheimliche' nennt, eine aus dem Gleichgewicht gebrachte semantische Bedeutung. Die rhetorische Figur der Wiederholung  taucht in Susanne Kutters Arbeit auf, wenn sich Handlungen und deren Auswirkungen mit endlosem Spiegeleffekt gegenseitig widersprechen und eine Welt entstehen lassen, in der die Grenzen zwischen Einbildung und Realität unbeständig sind. In der vierten Dimension von Kutters Reich der Katastrophen zeichnet sich sukzessive ein Raum der Illusionen ab, zwischen dem, wie wir sind und dem, wie wir glauben zu sein, zwischen dem Zustand, sich einer Sache bewusst zu werden und dem Bedürfnis nach einer erdachten Konstruktion. Entgegen einer Kunst, die unmöglich ohne den Symbolapparat des Kulturbetriebes auskommen kann, machen die Arbeiten von Susanne Kutter deutlich, dass eine Auseinandersetzung damit als zweitrangig betrachtet werden kann, solange auf die Schaffung einer neuen, parallelen Ordnung abgezielt wird: etwa in der Art eines "organischen Störungssyndroms", das alle Charakteristika einer fruchtbaren und positiven Konfusion in sich trägt. Wie Totò, der größte italienische Komiker des letzten Jahrhunderts, einmal sagte: "Ihr alle werdet unter Gelächter begraben werden."

In: Susanne Kutter, ... and How to Escape Hell, Hg. Goldrausch Künstlerinnenprojekt art IT, Berlin 2004.

 

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