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"Vom Fallen, Schweben, Sinken"
Simone Schimpf, 2006


Ein aus acht Meter Höhe hinab gestürzter, großer Kronleuchter liegt im Untergeschoss des Kunstmuseum Stuttgart auf dem Boden. Über die schwere Kette ist er mit der Decke und der Strom führenden Leiste verbunden. Einige Lampen brennen noch, während die anderen zersprungen und verbogen emporragen. Um die Einschlagstelle sind die Scherben zerstreut und zeichnen das Kraftlinienfeld des Aufpralls nach. Was ist passiert? Zerstörungswut? Misslicher Unfall?

Susanne Kutter geht in ihren Arbeiten von den klassischen Themen der Bildhauerei aus: Im skulpturalen Prozess wird Material weggenommen; beim plastischen Gussverfahren hingegen Material hinzugefügt. Im Fall des Kronleuchterwurfs findet eine radikale, sekundenschnelle Materialtransformation statt. Es ist nicht der blanke Zerstörungswille, der die Künstlerin zu dieser Tat motiviert, sondern die Neugierde auf die materielle Veränderung. Ein Objekt wird durch einen simplen physikalischen Vorgang - Einwirkung der Schwerkraft und Aufprall - einer Veränderung unterworfen. Der Kronleuchter wechselt zwar nicht seinen Aggregatzustand, aber seine physikalischen Eigenschaften wie Dichte und Gewicht verändern sich schlagartig. Das Überführen in einen anderen Zustand ist eine durchgängige Charakteristik im Werk von Susanne Kutter. Dabei begreift sie den Zufall als gestalterisches Moment, der entweder sehr schnell oder über längere Zeit wirksam wird. In ihrer bekanntesten Arbeit "Flooded Home" (2003) ist es eine schleichende, rein zufällige Veränderung, die sie mit ihrer Videokamera dokumentiert. Das 'geflutete Heim' ist tatsächlich ein komplett als Wohnzimmer eingerichtetes Schwimmbecken. Zwei gemütliche Sessel werden von einer etwas biederen, roten Stehlampe beleuchtet; der Esstisch ist mit Karodecke und Blumenvase dekoriert. Neben der großen Schrankwand läuft der Fernseher. Plötzlich bricht in diese menschenleere Stätte ein kräftiger Wasserstrahl aus der Decke herein. Die Möbel, Teppiche und Einrichtungsgegenstände heben langsam ab und schwimmen durch den Raum. Lange Zeit treibt der Tisch aufrecht durch das Becken; der darauf stehende Blumenstrauß überragt die steigende Wasserkante. Die Überführung in die Schwerelosigkeit vollzieht sich nach nicht vorhersehbaren Regeln. Was steigt auf? Was sinkt herab? Welcher Gegenstand gerät ins Trudeln? Susanne Kutter hat eine Versuchsanordnung mit offenem Ausgang geschaffen. Zweifellos ist ihr Video auch eine Parabel auf die gestörte und bedrohte Idylle: das geschützte Heim, das es so nur als Wunschtraum gibt und das trotz aller Vorkehrungen der Unbill der Umwelt ausgesetzt ist. Es geht der Künstlerin aber nicht um eine mahnende Schilderung möglicher Katastrophen. Ihrer Arbeit haftet ganz im Gegenteil eine gewisse Verspieltheit an.

Scheinbar aggressiver geht Susanne Kutter bei zwei anderen Arbeiten - "we will kill you anyway" (2006) und "Außerhalb der Sperrstunde" (2006) - vor, bei denen sie jeweils eine Zündschnur einsetzt und sogar eine Sprengung durchführt. Die brennende Zündschnur zaubert den Satz "we will kill you anyway" auf die weiße Galeriewand. Susanne Kutter wiederholt diese Mahnung im Kunstmuseum in leuchtend roter Neonschrift unter dem Treppenaufgang. Der Satz erinnert an ein traditionelles Memento Mori, das die Unausweichlichkeit des Todes beschwört. Wie ein Menetekel erscheint die aus Ruß und Rauch entstandene Schrift an der Wand. Wer verbirgt sich hinter dem bedrohlichen "we"? Auf diese Frage kann jeder Einzelne seine Antwort finden. Die anscheinende Ernsthaftigkeit wird durch den nicht aufzuklärenden Inhalt relativiert. Auch die Ausführung mit der Zündschnur trägt zu einer ironischen Brechung bei: Die Zündschnur entpuppt sich als reines Schreibmittel, da sie mit keinem Sprengkörper verbunden ist. Die Phrase changiert damit zwischen Vanitasmetaphorik und einem belanglosen Zitat aus einem x-beliebigen Fernsehthriller.

In der Installation "Außerhalb der Sperrstunde" führt die Zündschnur zu einem altmodischen Küchenschrank. Mit Spannung erwarten die Galeriebesucher die Sprengung des Möbels. Doch erneut hat die Künstlerin eine Situation arrangiert, mit der niemand gerechnet hat: Die vielen Türen des Schranks fliegen auf, das Innere ist hell erleuchtet und eine hervorragend bestückte Bar lädt die Umstehenden ein. Eine Barkeeperin mixt Cocktails und die Vernissagebesucher berauschen sich im wahrsten Sinne des Wortes an der Kunst. Die Reste des Festes und der geöffnete Schrank bleiben unberührt bis zum Ende der Ausstellung als kurzlebige Skulptur erhalten. Erneut reflektiert Susanne Kutter klassische Gestaltungsmittel der Bildhauerei. Eine Skulptur besitzt eine geschlossene oder eine offene Kontur, ist raumgreifend oder in sich ruhend. Die geschlossene und die offene Form führt die Künstlerin exemplarisch mit der Sprengung des 'Barschrankes' vor. Anders als zu erwarten war, wenn der Schrank beispielsweise abgebrannt wäre, kommt es jedoch zu keiner radikalen Materialreduktion. Der 'Materialverlust' läuft stattdessen durch den Alkoholkonsum - die Leerung der Flaschen - viel subtiler ab.
"Außerhalb der Sperrstunde" ist eine erzählerische Arbeit, die Stilmittel eines Slapsticks wie von Buster Keaton einsetzt. Die Situationskomik entsteht durch den Kontrast der Mittel zum Resultat. Die gespannte Erwartungshaltung der Betrachter, die sich auf eine Sprengung oder gar ein Feuerwerk einstellen, wird durch die unverhoffte Erscheinung eines Bartresens in entspanntes Gelächter überführt. Die Art des Überraschungscoups gehört zum gängigen Repertoir eines jeden Komikers und wurde vor allem im frühen Stummfilm kultiviert.

In der Installation "Swaying Palm Trees line The Sandy White Beaches as they meet The Atlantic Ocean" (2002) wird der Betrachter nicht durch einen Überraschungseffekt in seiner Erwartung enttäuscht, sondern die Desillusionierung wird ihm direkt vorgeführt. Leere Pappkartons sind hintereinander aufgebaut. Alles wirkt improvisiert und schnell zusammengestellt, dabei funktioniert das Trompe-l'œil nur bei exakter Positionierung aller Utensilien. Der hinterste Karton trägt einen Diaprojektor, der nächste ein mit Wasser gefülltes Aquarium, das mit farbigen Folien beklebt ist. Darauf folgen drei leere Cocktailgläser mit jeweils einem Glitzerwedel, wie sie meist in üppigen Eisbechern stecken. Ein Ventilator hält sie in stetiger Bewegung. Dieser simple Aufbau erzeugt auf einem vierten, aufrecht stehenden Karton das bewegte Bild eines Sonnenunterganges am Meer. Die perfekte Idylle, das Sehnsuchtsmotiv wie es auf unzähligen Postern reproduziert wird, ist nichts weiter als ein Schattenspiel mit banalen Objekten. Erneut gelingt es der Künstlerin, den Alltag zu verwandeln - in diesem Fall sogar zu verzaubern. Die Dinge bekommen ein Eigenleben und werden zu Protagonisten in phantasievollen Arrangements. Die billige Dekoration eines Eisbechers bekommt ihre zweite Chance und wird für die Dauer der Installation zu einer wiegenden Palme an einem weißen Traumstrand.

Ähnlich ergeht es dem Kronleuchter. Susanne Kutter nennt diese Arbeit "Herrn Orleanders großer Auftritt". Mit Schwung und viel Lärm betritt "Herr Orleander" die Bühne des Kunstmuseum und stürzt gute acht Meter tief hinab. Ein Kronleuchter ist - unversehrt - ein in sich geschlossenes, perfektes System. Auf dem kreisrunden Gerüst sitzen die elektrischen Kerzen aufrecht und brechen ihr Licht in den gläsernen Tränen. Der Kronleuchter zeigt einen eingefrorenen Augenblick: Die Glasdekoration ist fallenden Wassertropfen nachgebildet, die für eine Ewigkeit in ihrer Fallbewegung angehalten zu sein scheinen. Dieses anscheinend endlos retardierende Moment hat Susanne Kutter auf radikale Weise überwunden, indem sie den Sturz tatsächlich auslöst.

Licht und Glas bringen sich wechselseitig zur Geltung. Die Lichtstrahlen werden durch die prismatische Wirkung des Glases in die Spektralfarben gebrochen; das Glas wiederum beginnt durch das Licht zu funkeln. Der Kronleuchter verkörpert idealiter die barocke Schönheitsvorstellung, bei der Spiegelungen, Lichtbrechungen und das Spiel der optischen Täuschungen dem Betrachter die Sinne verwirren. Illusion und Desillusionierung gehören im Barock unauflöslich zusammen. Das gleiche lässt sich über das Werk von Susanne Kutter sagen. Sie verändert jedoch die Verhältnismäßigkeiten: Die Desillusionierung bekommt bei ihr mehr Raum zugestanden, ohne dass dadurch aber ein pessimistischer Zug in ihre Arbeiten käme. Spielerischer Schalk und unbekümmerte Leichtigkeit zeichnen Susanne Kutters 'bildhauerische' Aktionen aus. Fliegen, fallen, schweben, aufsprengen sind alles Impulse, welche die Dinge aus ihrer Starrheit befreien.

In: Susanne Kutter. Frischzelle_05, hrsg. v. Kunstmuseum Stuttgart, 2006.

 

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