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"Susanne Kutter - Trilogie der Illusion (Die Maske, Die Täuschung, Die Falle)"
Barbara J. Scheuermann, 2010


Obwohl Susanne Kutters „Trilogie der Illusion“ als Loop gezeigt wird und damit nicht über einen eindeutigen Beginn oder ein klares Ende verfügt, wird die Wiedergabe der Kapitel hier in der Reihenfolge vorgenommen, in der sie auch im Titel der Arbeit angegeben sind: Die Maske, Die Täuschung, Die Falle. Den Abschluss des Videos bildet eine Art Epilog.

Die Maske

Das erste Bild zeigt den Blick in einen leeren Raum – an zum Teil abgeschlagenen Kacheln an der Wand erkennbar als heruntergekommene Küche –, der gänzlich leergeräumt ist. Über den farbigen Kacheln befindet sich eine leuchtende Neonröhre an der Wand, links eine geschlossene Tür, rechts ein Fenster. Dass die Proportionen nicht durchgängig stimmen, fällt zunächst nicht auf. Dann erscheint am unteren Bildrand ein Wesen mit zwei Fühlern, bei dem es sich offensichtlich um eines der am wenigstens populären Tiere handelt: eine Kakerlake. Sie ist von erschreckender Größe, entspricht ihre Körperlänge doch ungefähr zwei der Wandkacheln. Spätestens jetzt wird klar, dass es sich bei dem gezeigten Zimmer um ein verkleinertes Modell handeln muss.

Nach einem ersten Zögern krabbelt die Kakerlake über die Fußbodendielen zur Tür. Ihre Größe und nicht zuletzt die Tatsache, dass das Insekt sich sofort zur Tür wendet – was ein Mensch, der sich in einem Zimmer wiederfände, das er verlassen möchte, auch tun würde – lassen an Franz Kafkas „Verwandlung“ denken, die mit den berühmten Worten beginnt: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Und genau wie die Kakerlake in Susanne Kutters Video versucht auch Gregor sich nach einer Weile zu bewegen. Allerdings ist er, der an seinen gepanzerten Körpern mit den vielen Beinen nicht gewöhnt ist, ungeschickt und kaum in der Lage sich zu rühren.

„Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden.“ Ruhig und „etwas zu klein“ liegt auch die leere Küche vor uns. Gregor ist zunächst froh, dass die Tür zu seinem Zimmer verschlossen ist und weder er hinausmuss noch seine Familie zu ihm hineinkommen kann. Die Situation, in der sich die Kakerlake im Video befindet, ist eine genau umgekehrte: Der Ort, an dem sie sich befindet, ist ihr gänzlich unbekannt, aber ihr Körper und seine Fähigkeiten sind ihr vertraut, und sie setzt ihn ohne zu zögern ein, um den Raum zu erkunden und gegebenenfalls zu verlassen. Natürlicherweise bleibt sie dabei nicht am Boden, sondern kriecht auch die Wände hoch. Kafkas Gregor lernt diese Fähigkeit erst nach geraumer Zeit: „...und so nahm er zur Zerstreuung die Gewohnheit an, kreuz und quer über Wände und Plafond zu kriechen. Besonders oben auf der Decke hing er gern....“

In der „Verwandlung“ markiert diese Stelle die fortschreitende Entfremdung Gregors von natürlichen menschlichen Regungen. Während Gregor als „ungeheures Ungeziefer“ in menschlicher Umgebung versucht zu überleben, hat Susanne Kutter der Kakerlake ein kleines, an ihre Größe angepasstes Haus gebaut. Nützen tut es nichts: Insekt und menschliches Gehäuse passen nicht zusammen. Gregor als riesiger Käfer geht schließlich zugrunde, die Kakerlake im Video verschwindet am Ende aus dem Bildausschnitt. Vermutlich entkommt sie ihrem Gefängnis, und es bleibt dem Betrachter überlassen zu entscheiden, ob das tröstlich ist oder beunruhigend. „Es ist kein Traum“, stellt Gregor als Käfer fest. Aber was ist es dann?

Die Täuschung

Im zweiten Kapitel der Trilogie sehen wir ein anderes Zimmer. Bis auf einen prächtigen Kronleuchter – ein in Susanne Kutters Arbeiten wiederkehrendes Motiv – ist das Zimmer leer. Auf der linken Wand ist durch ein Fenster ein Baum zu erahnen. die rechte Seite versinkt im Dunkel, der Kronleuchter beleuchtet die dahinterliegende Wand, die nicht mit einer Tapete, sondern mit horizontal verklebten Papierstreifen bedeckt ist – ein deutlicher Hinweis auf die Modellhaftigkeit des Zimmers.

Ein – im Verhältnis – riesiger Falter fliegt in den Raum und umflattert sofort die Lichtquelle, den Kronleuchter. In den vorgegebenen Dimensionen erinnert er an einen Vogel oder – aufgrund seiner deutlichen Hinwendung zum Licht – an eine Fledermaus, die sich in ein Haus verirrt hat.

Genau wie die Kakerlake im ersten Kapitel verfügt der Falter über eine Fähigkeit, die Menschen nicht haben: Er kann fliegen. Das Fliegen ist ein Menschheitstraum und wird vor allem anderen mit Freiheit in Verbindung gebracht. In dieser naturfernen Umgebung aber bedeutet das Fliegenkönnen – Fliegenmüssen – für den Falter eine Einschränkung. So stößt er bei seinem, aus menschlicher Sicht nutzlos wirkenden, Herumflattern immer wieder gegen Wände, Boden und Kameralinse und bringt das Gehänge des Kronleuchters zum schwingen, ohne jedoch seine Situation irgendwie verbessern zu können. Die Fixierung auf das Licht erscheint vollkommen sinnlos.

Nach einer Weile wird der Falter ruhiger. Die Flügel klappen noch ein paar mal auf und zu, dann er verharrt er still an der Wand. Man ist geneigt, Ausdrücke für menschliche Gefühlszustände zu benutzen, um das Verhalten des Falters zu beschreiben: Aufregung, Verzweiflung, Beruhigung, Ratlosigkeit, Resignation. Und dabei wird einem klar, wie ganz und gar fremd einem das Geschöpf ist und wie stark unsere Fixierung auf vertraute Verhaltensweisen und Erklärungsmuster ist.

Die Falle

Das dritte Kapitel, das so lang ist wie die ersten beiden zusammen, unterscheidet sich von den anderen, weil es zum einen vier „Protagonisten“ hat – drei Stubenfliegen und eine Spinne – und damit sehr viel erzählerischer, ja, dramatischer ist und zum anderen zwei Schauplätze zeigt: zuerst ein kleines Badezimmer, in dem drei Fliegen ihrem Fliegentagewerk nachgehen: Herumfliegen, an den Wänden sitzen, über den Boden krabbeln, die Beinchen aneinanderreiben usw. Als eine Fliege das Badezimmer durch die offene Tür auf der rechten Seite verlässt, gibt es einen Schnitt, und die Kamera ist ihr in ein heruntergekommenes Schlafzimmer gefolgt. Die Wände sind mit geblümten Tapeten geschmückt, die teilweise abgefallen sind und auf dem Boden liegen. In der Mitte leuchtet eine Hängelampe. Links sieht man durch die Türöffnung ins Badezimmer, rechts durch ein Fenster draußen einige Äste. Und auf diesem Fenster sitzt die zentrale „Figur“ dieses Kapitels: die Spinne.

Sofort macht sich die Spinne daran, die Fliegen zu fangen. Diese Jagd zu beobachten, ist höchst unterhaltsam und enthält alle Elemente, die eine spannende szenische Darstellung braucht: Wechsel zwischen Aktion und Verharren, Lauern und Reizen, Jagen und Überwältigen. Weil sowohl die Fliegen als auch die Spinne nicht gerade geeignet sind, als Identifikationsfiguren zu dienen, wechselt auch die Perspektive und die Identifizierung zwischen beiden Seiten hin und her. Gerade noch möchte man die Fliegen warnen, nicht so nah an die Spinne heranzufliegen – wieso tun sie das eigentlich? –, da sieht man schon mit Befriedigung zu, wie die Spinne schließlich eine der Fliegen erwischt und verspeist. In diesem Moment wird deutlicher denn je, dass der Verlauf ganz unausweichlich ist und dass alle – die Spinne und die Fliegen, aber auch die Kakerlake und der Falter – nur bestimmten Verhaltensmustern folgen, ganz gleich, in welcher Umgebung sie sich befinden.

Von hier die Verbindung zum Menschen und seinem Verhalten herzustellen, die Insekten also als Metaphern aufzufassen, liegt nahe und leuchtet ein. Kafkas Gregor Samsa kann sich nicht in sein neues Dasein einfinden, weil er seine menschlichen Empfindungen nicht ablegen kann, und stirbt am Ende. Entließe man die Tiere in Susanne Kutters Video nicht irgendwann wieder in ihren natürlichen Lebensraum, würden sie ebenfalls zugrundegehen.

Epilog

Am Schluss sehen wir noch einmal den Falter ruhig an der Wand des Wohnzimmers unterhalb des Kronleuchters sitzen. Langsam klappen seine Flügel auf und zu. Schön sieht er aus. Und einsam. Am Ende bleiben die Flügel zu, und er tut gar nichts mehr.

In: Update - Die Welt als Modell, hrsg. v. Montag Stiftung Bildende Kunst, Bonn 2010.

 

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